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Woher kommen wir?

Je mehr wir uns in einem Land wie zuhause fühlen, umso mehr kann uns die Frage „woher kommst du?“ wie ein scharfer Nadelstich verletzen; denn eine solche Frage gibt uns zu verstehen, dass wir als fremd wahrgenommen werden.

 



Es ist schon eine Weile her, da kam ich während einer U-Bahnfahrt ins Gespräch mit einer älteren Dame. Die Unterhaltung war nett – wir sprachen über Literatur und Musik – bis zu jenem Moment, als die ältere Dame, die meinen fremdländischen Akzent herausgehört hatte, fragte woher ich käme. Ich sagte: ...aus Polen, und sie erwiderte langsam, kaum ihre Verblüffung verbergend, vielleicht sogar enttäuscht, nach etwas zu lang anhaltendem Schweigen: Das hätte ich Ihnen nie zugetraut.
Zum Glück musste ich kurz danach aussteigen, so ist der schmerzhafte Kratzer, den sie mir damit zugefügt hatte, nahezu verheilt. Doch obwohl seit diesem zufälligen Treffen und der unbedachten Bemerkung einer mir völlig fremden Person Jahrzehnte vergangen sind, hat die Zeit diesen Kratzer nicht gänzlich verschwinden lassen.

Seitdem musste ich mehrere Male diese oder eine ähnlich formulierte Frage beantworten, und wohl nie habe ich in dem Moment, in dem ich ich komme aus Polen sagte, keine Angst, keine Verlegenheit verspürt: dass die fragende Person entweder einen dummen Witz über Autodiebe reißt, oder mich begeistert über die Zuverlässigkeit und Sauberkeit ihrer „fleißigen polnischen Perle“ informiert, oder zumindest kurz innehält und mich mit Verblüffung oder ungläubig und schweigend betrachtet.

Ich könnte natürlich schwindeln
und mir eine andere Herkunft andichten, oder vielleicht könnte ich stur behaupten, ich wäre von hier: denn ich lebe hier länger, als ich in Polen lebte. Ich bin mit einem Österreicher verheiratet, in meinem Bekanntenkreis sind mehr Österreicher als Polen, ich spreche fast ausschließlich deutsch, ich verdiene hier mein Geld, hier zahle ich Steuern und hier nehme ich am öffentlichen und kulturellen Leben teil. Hier verbringe ich meine Freizeit und in meiner Heimat bin ich nur ein sporadischer Gast. Vielleicht könnte ich das behaupten. Aber ich tue es nicht. Denn das wäre nicht wahr. Ich bin eben nicht von hier.

Ich bin in Polen geboren.
Dort habe ich meine Kindheit verbracht. Ich erinnere mich, wie ich mich kurz vor Weihnachten als kleines Mädchen stundenlang vor einem Geschäft anstellen musste, weil Orangen „unter das Volk geworfen“ wurden (ein Kilo pro Person, also harrten ganze Familien in den Warteschlangen aus). Ich erinnere mich, wie wir in der Schule über die albernen Witze über „das Weib beim Arzt”, und danach im Kino über Miś (eine hermetische, für nicht-Polen komplett unverständliche Komödie) gelacht haben. Ich habe Lebensmittelkarten und die Polizeistunde im Kriegsrecht 1981-1982 erlebt. Als ich schwanger war, habe ich einen Stempel im Personalausweis bekommen, der mich für den Kauf der Säuglingsausstattung (dazu gehörten u.a. 40 Mullwindeln) berechtigt hat. Meine Familienmitglieder kämpften für ein unabhängiges Polen, starben dafür und saßen im Gefängnis. Ich bin gerührt, wenn ich polnische Weihnachtslieder aber auch alte polnische Schnulzen singe. Meine Wurzeln sind dort, in Polen. Die Liste der Elemente, die mein Bewusstsein geformt haben, ist zweifellos sehr polnisch und zweifellos sehr anders. Hier geht es nicht um gegenseitiges Überbieten, um die Frage, welche Herkunft die bessere sei, aber auch nicht ums Verleugnen. Es geht hier nicht um patriotische Gefühle, und auch nicht um Kosmopolitismus. Es ist eben eine Tatsache: Wir sind anders als die Österreicher … in unserem Inneren!

Denn was bedeutet: „ich bin von hier“?
Reicht es wirklich, irgendwo zwanzig, dreißig Jahre, ja den Großteil des Lebens zu verbringen, um jemand von hier zu werden? Ja, es stimmt, was das polnische Sprichwort besagt: „wenn du unter Krähen kommst, musst du krächzen lernen.“ Es bleibt uns nichts anderes übrig. Sich von den Menschen, der Kultur, den Bräuchen, den Tradition und der Sprache des Landes, wo wir gestrandet sind, abzuschotten, das Land als fremd zu betrachten, führt zur Vereinsamung und Verbitterung. Das Unbekannte wirkt feindlich und weckt automatisch unsere Aggression, was ein natürlicher Abwehrmechanismus ist. Nein, Isolation in der Fremde, das ist ein falscher Weg. Es ist nicht ratsam ihn zu betreten. Schon für das eigene psychische Wohlbefinden, aber auch aus Neugier, lohnt es sich die Umgebung, die wir als unseren neuen Platz auf der Erde gewählt haben, immer besser zu ergründen. Uns den Menschen zu nähern, die Speisen, die sie essen, zu kosten, zu lauschen worüber sie reden, was sie ärgert, was sie erfreut, worüber sie stolz sind. Es ist selbstverständlich, dass wir allmählich mit der Gesellschaft verschmelzen, dass wir ein Teil von ihr werden. Und je mehr wir uns eines Tages in der Wahlheimat wie zuhause fühlen werden, umso mehr wird der Nadelstich schmerzen: „woher kommst du?“. Denn wir verstehen dann die Frage als Andeutung, dass wir als Auswärtige wahrgenommen werden.

Aber warum tut es eigentlich weh?
Vielleicht sind wir einfach überempfindlich? Womöglich hörte unser Gegenüber einfach unseren mehr oder weniger deutlichen fremdländischen Akzent und ist neugierig geworden? Machen wir uns doch nichts vor: auch wenn wir uns noch so sehr bemühen würden, die Fremdsprache gepflegt und fehlerlos zu sprechen, der Akzent wird uns demaskieren. Um keinen „verräterischen“ Akzent zu haben, muss man eine Sprache in der Kindheit erlernen. Finden wir uns also damit ab, dass wir nach wenigen Sätzen als jemand nicht von hier enttarnt werden. Und vielleicht überlegen wir, warum wir hinter dieser Frage Feindseligkeit ahnen?

Versuchen wir die Situation umzukehren:
Ich stelle mir vor, dass ich in meiner Heimatstadt bin, beispielsweise auf einer Party bei einer langjährigen Freundin. Es sind viele Leute da, unter anderem eine mir bisher unbekannte, eloquente und charmante Person. Wir unterhalten uns prächtig und verstehen uns auf Anhieb: wir begeistern uns für die gleichen Filme, lachen über die gleichen Witze, doch wenn sie spricht, höre ich ganz deutlich, dass sie keine Polin ist. Es ist etwas irritierendes an ihrer Aussprache... sie sagt irgendwie... sz statt ś... So frage ich sie – und das ist doch sehr natürlich – woher kommen Sie? Und ich frage danach nicht deswegen, weil ich mich innerlich gesträubt habe, dass uns eine Fremde zugelaufen ist, sich in unsere Clique zugesellt hat. Nein! Ich frage eher deswegen, weil ich ganz einfach neugierig bin. Weil diese Frage womöglich unserem Gespräch neue Facetten hinzufügt. Und mehr noch: wenn sie mir darauf „ich bin von hier“ antwortete, würde ich mich verhöhnt fühlen. Warum also können wir uns nicht vorstellen, dass unser „polnisch sein“, also „anders sein“ für die Einheimischen schlicht und einfach attraktiv ist?

Im vergangenen Jahr
bekam die polnische Regisseurin Anna Badora, Intendantin des Schauspielhauses in Graz, eine Einladung zu einem feierlichen Empfang. Dort sollten sich prominente Vertreter aus der Politik, der Wirtschafts- und Kulturwelt treffen. Auf der Einladung stand ein Hinweis: „Kleiderordnung – Tracht“. Anna Badora, die Polen als 20-Jährige verlassen hatte und seit Jahrzehnten in Deutschland und Österreich lebt, bat mich da um Hilfe: Wenn ich eine Tracht anziehen soll, dann doch nur eine polnische. Ich kann ja kein Dirndl tragen?! Mit welchem Recht denn? Das wäre doch eine Verkleidung! Die Aktion „wir besorgen eine komplette Krakauer Tracht“ ist uns geglückt, und die polnische Intendantin des österreichischen Theaters sorgte auf dem Empfang für Furore: im bunten Rock mit roten Rosen gemustert, in mit Rüschen besetzter weißer Bluse, roten Schnürstiefeln und mit glitzernden Pailletten kunstvoll gestickter Trachtenweste sah sie aus wie ein wunderschöner Paradiesvogel! Die Herren konnten schier die Augen von ihr nicht abwenden, und die Damen, selbstverständlich alle in Dirndln, warfen ihr neidische Blicke zu.

Manchmal denke ich, dass unsere Ängste
die Enthüllung unserer Herkunft betreffend, daher kommen, dass eben … in Polen die Ausländer nicht gerade beliebt sind. Wenn ich in Wien mit der U-Bahn fahre, lassen sich von allen Seiten Gesprächsfetzen verschiedenster Sprachen vernehmen: Türkisch, Spanisch, Serbisch, Italienisch, Rumänisch, Ungarisch, Japanisch und natürlich Polnisch. Deutsch hört man kaum. Ich versuche oft mir vorzustellen, wie meine Landsleute in Polen auf eine solche Situation reagieren würden. Denn es grenzt schier ans Unmögliche, dass man in öffentlichen Verkehrsmitteln in den Randzonen meiner Heimatstadt, dort, wo Touristen nicht mehr hinfahren, Gespräche in Fremdsprachen hört.
Dafür erinnere ich mich leider sehr gut, wie in der Krakauer Tram eine Frau mittleren Alters meine italienische Freundin angespuckt hat: wir hatten gerade Deutsch gesprochen, denn es war die Sprache, die wir beide gemeinsam am besten konnten. Es war 1981 und seitdem hat sich vieles, sehr vieles verändert. Heute überfluten die Touristen den Krakauer Hauptmarkt. Fremdländische Phrasen, ausgesprochen von Engländern, Franzosen, Deutschen, Russen ... schwirren hier herum. Doch das sind Touristen, die man in der Tram, die Richtung Prądnik oder Czyżyny fährt, eher nicht antrifft.

Wie würden wir reagieren, wenn
die Krakauer Tram ein solcher „Turm von Babel” wie die Wiener U-Bahn wäre? Wenn die Menschen mit Migrationshintergrund in ähnlicher Zahl wie in Österreich auch in Polen wohnten? Die Zahl der „Fremden“, die in Polen leben (die meisten davon besitzen eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung), beträgt lediglich zwei Promille (!) der Gesamtbevölkerung Polens; das ist fast der geringste Anteil in Europa. Zum Vergleich: in Österreich sind es 20%; jeder Fünfte aller hier Lebenden hat also einen fremdländischen Pass! In Polen – jeder Fünfhundertste. Vielleicht sollen wir uns langsam klarmachen, dass der sogenannte Migrationshintergrund (wie es heute korrekt und elegant heißt) in Österreich etwas sehr Alltägliches ist. Dass es einfach unnötig ist überall Gefahr zu wittern, sich zu sträuben, zu flunkern und zu schwindeln, statt die eigene Besonderheit zu schätzen. Darauf stolz zu sein. Vergessen wir auch nicht, dass die Zahl von 20% jene Personen mit Migrationshintergrund, die mittlerweile einen österreichischen Pass besitzen, gar nicht umfasst! Und dass die meisten Österreicher und Österreicherinnen mal stolz, mal schmunzelnd von ihrer „gemischten“ Herkunft erzählen oder sich dazu bekennen, eine tschechische Großmutter zu haben.

Durch die außerhalb Polens verbrachten Jahre,
nun sind es bald dreißig, habe ich mir eine Methode ausgearbeitet, wie ich schnell und wirksam auf die Frage, woher ich komme, reagiere. Ich antworte, der Wahrheit gemäß, dass ich in Krakau geboren bin und gebe dem Gegenüber zwei Sekunden Zeit für ein strahlendes Lächeln und die Aussage: Ach, was für eine schöne Stadt! Kommt diese Reaktion nicht, sage ich den Satz in Windeseile selbst, und dann erzähle ich sehr lässig alles Mögliche über die außergewöhnliche und denkmalgeschützte Altstadt, ich erzähle Legenden und Fakten aus der polnischen Geschichte und sporne zur Fahrt dorthin an. Ich erwähne augenzwinkernd: das ist ja eine Entfernung von nur knapp über 400 Kilometern! Auf diese Art und Weise habe ich bereits so viele Österreicher und Österreicherinnen nach Krakau geschickt, dass ich sie an beiden Händen nicht mehr aufzählen kann. Vor nicht allzu langer Zeit fuhr auch der Chef der österreichischen Plattenfirma Gramola in meine Heimatstadt, um dort Silvester zu verbringen. Als wir uns einige Wochen später trafen, strahlte er übers ganze Gesicht und begrüßte mich – den berühmten Ausspruch des Berlin-begeisterten Kennedy zitierend – mit „Ich bin ein Krakauer!”.

Wenn wir auf die Frage „Woher kommen Sie?“ antworten,
nützen wir doch die Möglichkeit, unsere Heimat zu bewerben. Eigentlich ist jede Gegend in Polen attraktiv und schön. Vergessen wir nicht, dass Österreich kein Meer hat, keine Tausend-Seen Landschaft, keine unermesslich großen, wilden Urwälder. Bringen wir unseren österreichischen Freunden und Bekannten die polnische Geschichte bei, empfehlen wir ihnen polnische Bücher und Filme, erzählen wir über die polnische Küche: soll ihnen doch das Wasser im Mund zusammenlaufen! Verändern wir, Schritt für Schritt, den österreichischen Blick auf Polen. Denken wir immer daran: von uns hängt es ab, wie unser Land und unsere Landsleute wahrgenommen werden. Heute, und – was noch wichtiger ist – auch morgen.


Der Text "Woher kommen wir" wurde im Wettbewerb für JournalistInnen und Medien, die für und über die im Ausland lebenden Polen schreiben, ausgezeichnet. Der Wettbewerb findet jährlich in Polen statt. Wir gratulieren unserer Redaktions-Kollegin Dorota Krzywicka-Kaindel.

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