Friedhof der Namenlosen

Ein weltweit einzigartiger Ort im Hafen Wien.

 

Der Friedhof der Namenlosen im Hafen Wien, einem Unternehmen der Wien Holding, ist ein schaurig schöner Ort, der eine einzigartige Magie ausstrahlt. Hier steht die Zeit still. Fern von Hektik, Lärm und dem Trubel des täglichen Hafenbetriebs, fanden hier die meist anonymen Opfer der Donau bis zum Jahr 1940 ihre letzte Ruhe. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es einen Ort wie diesen. Auch heute noch wird ihnen im Rahmen einer jährlichen Gedenkfeier gedacht. Die Kranzlegung 2016 findet heuer am 6. November um 14 Uhr statt.

Ein Blick auf einen schaurig schönen Platz
Der Friedhof der Namenlosen im Hafen Albern liegt dort, wo Simmering so wirkt, als wäre die Zivilisation spurlos vorüber gegangen. In Richard Linklaters Film „Before Sunrise“ galt der Ort noch als Geheimtipp und noch immer ist der Friedhof nicht einfach zu finden. Nur ein paar Schilder am Wegesrand weisen auf diesen ganz besonderen Ort hin. Dort, wo sich der Friedhof der Namenlosen befindet, grenzt der Hafen Wien gleich direkt an das Auwald- und Wiesengebiet. Auch „Sauhaufen“ wird das Areal genannt. Es gehört zum einstigen Wiener Vorort Albern. Seit dem Mittelalter lebten die Menschen hier vom Fischfang. Kein anderes Dorf im Wiener Raum wurde so oft von der Donau überflutet wie das in Albern der Fall war.

Schlichte, eiserne Kreuze
Stromkilometer 1.918, dort wo der Donaukanal in die Donau mündet, das ist sozusagen die Adresse des Friedhofs der Namenlosen. Weltweit ist dieser Friedhof wohl die einzige Begräbnisstätte, die ausschließlich den Opfern eines Flusses vorbehalten ist. Ermordete, Unfallopfer, Selbstmörder, Opfer ungeklärter Kriminalfälle – meistens unbekannte Tote aus dem Fluss, die hier angeschwemmt und gleich begraben wurden. Ein Wasserwirbel fing bis 1939 neben morschem Treibholz auch an die 600 Leichen ein. Schlichte Kreuze aus Schmiedeeisen gefertigt, manchmal noch mit einem Schild versehen auf dem „Namenlos“, „Unbekannt“, „Männlich“, „Weiblich“ oder ein Datum steht, sind die einzigen Zeugen, die an die Opfer des Flusses erinnern.

Friedhof aus zwei Teilen
Der Friedhof der Namenlosen besteht aus zwei Teilen. Der ältere Bereich ist heute kaum mehr zu sehen. Bäume und Sträucher haben die Begräbnisstätte überwuchert. Immer wieder wurde dieser Friedhofsteil überschwemmt. Der Auwald hat heute die Totenstätte wieder in Besitz genommen. Auf diesem Teil des Friedhofs wurden bis zur vorletzten Jahrhundertwende die angeschwemmten Wasserleichen bestattet.

Der neue Friedhofsteil entstand 1900, jenseits des Schutzdammes. Die Gräber sind einfache, schmucklose Erdhügel, ohne Umrandung und ohne Grabstein. Geschmückt sind sie nur mit einfachen schmiedeeisernen Kreuzen. 1935 erhielt der Friedhof bei den Arbeiten zur Verstärkung des Schutzdammes eine steinerne Umfassungsmauer und eine Kapelle, die so genannte „Auferstehungskapelle“. Auf dem neuen Teil des Friedhofs der Namenlosen wurden im Zeitraum 1900 bis 1940 insgesamt 104 Wasserleichen beerdigt. Nur 43 davon konnten identifiziert werden.

Im Jahr 1939 wurden dann auch der Alberner Hafen und die Getreidesilos gebaut. Durch die Hafenregulierung änderten sich die Strömungsverhältnisse im Donaustrom. Und seither werden kaum mehr Leichen an dieser Stelle angeschwemmt. Und wenn doch, so wie im Jahr 2004 die Leiche einer Frau ans Ufer treibt, dann werden diese Toten auf dem Wiener Zentralfriedhof beerdigt. Auf dem Friedhof der Namenlosen fand nach offiziellen Quellen die letzte Beerdigung im Jahr 1940 statt. Der stillgelegte „Friedhof der Namenlosen“ wird heute vom Hafen Wien sowie der Stadt Wien weiter erhalten.

Vom Totengräber Josef Fuchs
Mit der Geschichte und der Erhaltung des „Friedhofs der Namenlosen“ ist ein Mann untrennbar verbunden: Der ehrenamtliche Totengräber Josef Fuchs. Er lebte von 1906 bis 1996 und hat den Friedhof mit großer Sorgfalt betreut. Bis 1939 hat er die Wasserleichen sogar selbst begraben. Fuchs kümmerte sich auch nach seiner Pensionierung noch um die Gräber, bis er im Frühling 1996 im Alter von 90 Jahren starb. Er tauschte die Holzkreuze gegen schlichte eiserne Kreuze mit weißen Christusfiguren. Für seine unermüdliche Arbeit wurde Josef Fuchs vom Land Wien mit dem Goldenen Verdienstzeichen geehrt. Auch eine Gedenktafel bei der Auferstehungskapelle erinnert an den ehemaligen Totengräber.

Fuchs hat auch dafür gesorgt, dass ganz im Widerspruch zum Namen des Friedhofs viele der Toten nicht ganz namenlos geblieben sind. Mithilfe von Abgängigkeitsanzeigen des Gemeindeamts Albern, die auch Personenbeschreibungen enthielten, konnte er viele Opfer identifizieren. Von all den Leichen, die er selbst begrub, konnte Fuchs bis auf eine einzige alle identifizieren.

Gedenkfeier
Am Nachmittag des ersten Sonntags nach Allerseelen wird jedes Jahr der Opfern der Donau und der Toten auf dem Friedhof der Namenlosen gedacht. Die Mitglieder des Arbeiter-Fischer-Vereins versammeln sich dann, um ein von ihnen gebautes Floß, geschmückt mit Kränzen, Blumen und brennenden Kerzen zu Wasser zu lassen. Auf dem Floß befindet sich auch ein symbolischer Grabstein mit der Inschrift „Den Opfern der Donau“ und der in den Sprachen Deutsch, Tschechisch und Ungarisch verfassten Bitte, das Floß, wenn es am Ufer hängen bleiben sollte, einfach weiterzustoßen. Der Prozessionszug zieht dann zum Ufer der Donau hinunter, begleitet von einer Musikkapelle. Mit einer Holzzille bringen die Fischer das Floß in die Mitte des Stroms, um es den Fluten zu übergeben, zum Gedenken an die anonymen Opfer des Donaustroms. Manche dieser Flöße sollen sehr weit getrieben sein, bis sie sich auflösten. So sorgen die Fischer dafür, dass der Friedhof der Namenlosen nicht in Vergessenheit gerät.

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